Irische Wollpullover - Zwischen Mythos und Wahrheit. Ein Faktencheck.

Mythos Masche. Der irische Wollpullover

Glauben Sie nichts, was über irische Wollpullover geschrieben wird. Wir recherchieren seit Jahren über die legendäre Strickerei an der Westküste Irlands und mussten feststellen, dass es die tollsten Geschichten rund um Zopfmuster, Rauten, tote Seemänner und strickende Frauen gibt. Allesamt scheinen sie auf das sehr irische Talent des Storytelling zurückzuführen zu sein - und nur zum Teil auf historische Wahrheiten.

Mythos: tote Seefahrer

Im Irland um 1900 trug der irischer Fischer meist Wollpullover. Die grob gesponnene Wolle war zwar ölig, dick und schwer, aber genau das machte die Pullover auch warm und fast wasserdicht. Die ideale Montur also auf hoher See. Doch die war gefährlich. In den tosenden Gewässern hing das Leben der Fischer oftmals an einem dünnen Faden. Nicht selten kenterten die kleinen Boote und die Fischer, die meist nicht schwimmen konnten, ertranken. An Land gespült konnten die Ehefrauen den Gatten zumindest anhand des Zopfmusters seines Pullovers identifizieren.

Wahrheit

Fakt ist: das Leben eines Fischers war hart und gefährlich. Der stürmische Atlantik forderte unzählige Opfer. Und: sie trugen Wollpullover. Doch wenn die Fischer denn tatsächlich an ihren Pullovern identifiziert wurden, dann eher an den darauf eingestickten Initialen als am Zopfmuster. Die schöne Mär geht vermutlich auf den berühmten irischen Schriftsteller John Millington Synge zurück, in dessen Theaterstück „Riders to the Sea“ von 1904 ein toter Seemann anhand der Anzahl der Maschen seines Wollpullovers identifiziert wird.

Mythos: Aran-Zopfmuster

Die irischen Frauen ließen sich in Sachen Strickmuster von den Dingen inspirieren, die sie um sich herum vorfanden: keltische Ornamente, mythische Symbole wie der „Tree of Life“ oder der „Diamond“ oder ganz handfeste Erscheinungen wie die zackige Küstenlinie, Bienenwaben oder die Taue der Fischerboote. Und weil genau diese Muster über Generationen weitergegeben worden sind bildet der irische Wollpullover wie kein anderer die Lebenswelt der Fischer und deren Familien Ende des 19. Jahrhunderts ab.

Wahrheit:

In den Anfängen der westirischen Pulloverstrickkunst haben sich die Frauen für die Motive von der Natur und dem Alltag inspirieren lassen. Jedes Dorf an der irischen Westküste hatte so etwas wie seinen eigenen Stil in Sachen Strickmuster, so viel scheint verbürgt. Doch natürlich entwickelte sich die Handwerkskunst rasant weiter. Immer neue Muster und Variationen wurden gefunden die häufig keinen Namen hatten, dafür aber sehr schön aussahen. Und wenn mal die Ideen ausgingen, blieb den Frauen immer noch der Weg in die Messe: hier war ein guter Ort um die Strickmuster der Nachbarn genau zu studieren und sie dann umgehend abzukupfern.

Mythos: Die irischen Schafe

Saftige Wiesen, viel Weideland und das ganzjährig milde Klima, das sind ideale Bedingungen für die Schafhaltung. Irland hat mehr Schafe als Einwohner. Und eben darum ist es mehr als einleuchtend, dass auch der natürliche Rohstoff Wolle von der Grünen Insel kommt. Denn da wo viele Schafe leben, muss es auch jede Menge Wolle geben.

Wahrheit

In Irland leben neben 4,5 Millionen Menschen auch 8 Millionen Schafe. Und die sind harte Burschen. Denn anders als ihre Kollegen in den sonnigen Ländern, muss das irische Schaf ausgiebigem Regen und Wind trotzen. Also hat es sich ein dickes, widerstandsfähiges Fell wachsen lassen. Und das ist so ziemlich das Gegenteil von der Wolle, die man für feine, weiche Pullover braucht. Der Großteil der irischen Schafe – so traurig es ist – landet bereits in jungen Jahren auf unseren Tellern. Irland ist der größte Exporteur von Lammfleisch in der Europa. Die Schafe hinter der Wolle leben überwiegend in Italien oder Portugal.